Matisses Werk Fenêtre ouverte à Collioure mit seinem strahlenden Licht und seinen starken, grellen Farben ist für Dufy die entscheidende Erfahrung und führt ihn auf den ihm bestimmten künstlerischen Weg.
Nach seinem
Wehrdienst
(1910-1912) lässt er sich in Paris nieder und begegnet Derain, Braque, Picasso sowie Apollinaire. In seinen ersten Aquarellen, die 1914 in der Galerie Berthe Weill ausgestellt werden, entdeckt man die Mattigkeit seiner braunen, blauen und dunkelroten Farbtöne sowie das Werk seines Bruders Raoul, das sich durch straffierte, von Cézannes Maltechnik entlehnten Pinselstrichen kennzeichnet.
Die Mobilmachung kurz nach dieser Ausstellung hindert Jean Dufy nicht daran, weiterhin auf Blöcken zu malen und zu zeichnen, hauptsächlich Blumen, Pferde und Landschaften wie das Val-d'Ajol,
in dem er sich während eines Genesungsurlaubs in den Vogesen nach seiner Rückkehr aus dem Krieg
aufhält.
Nachdem er kurz mit seinem Bruder für das Malatelier des berühmten Lyoner Textilunternehmens Bianchini-Férier zusammenarbeitete, keiert Jean ab 1916 während mehr als dreißig Jahren für die Porzellanfirma Théodore Haviland in Limoges Dekorelemente (Blumen- und Tiermotive). 1925 wird er für sein Tafel-Service "Châteaux de France" bei
der Exposition Internationale des Arts Décoratifs mit der Goldmedaille ausgezeichnet.
Als Jean 1920 nach Paris zurückkommt, lässt er sich auf Montmartre nieder. Braque ist sein Nachbar. In einem Umfeld künstlerischer Efferveszenz enthüllen seine Werke, die während mehreren Ausstellungen in Paris (Salon d'Automne im Grand Palais
des Champs-Elysées in den Jahren 1920, 1923, 1924, 1927 und 1932, Galerie Bing im Jahre 1929) und in New York (Balzac Galleries im Jahre 1930, Perls Galleries im Jahre 1938) der Öffentlichkeit gezeigt werden, sein Talent als Kolorist: Aus Farbvierecken zusammengesetzte Patchwork-Arbeiten sowie mutige Lichtkompositionen wie in Nature morte à la tasse (1921), wo der Gegenstand aus weißem Porzellan die einzige Lichtquelle ist.
Zwei Ereignisse des Pariser Kulturlebens der Nachkriegszeit haben einen entscheidenden Einfluss auf den Werdegang des Künstlers: Die Komödie Le Boeuf sur le toit (1920), anlässlich der er die Musiker und Komponisten jener Zeit kennenlernt (Darius Milhaud, Georges Auric, Erik Satie, Francis Poulenc, Arthur Honegger), und La Revue Nègre (1925), die in seinem Werk die innovative Verbindung zwischen Chromatik und Musik herstellt und zu außergewöhnlichen Arbeiten führt. Das Thema Musik inspiriert ihn bei zahlreichen Bildern, auf denen er Pianisten oder Orchester darstellt und die fruchtbare chromatische Analogien in sich tragen: Musikerporträts, die wie eine ganze Note auf einer Notenlinie aufgezeichnet sind, Orgelpfeifen, welche wie Striche einer Achtelnote aneinandergereiht sind, Harfen wie Viertelpausen. Zur selben Zeit unternimmt er seine Hommage an die Brüder Fratellini: Zirkus- und Clownbilder, aus denen die Paare Farbe-Musik, Farbe-Sprache und komplexe Lichtspiele herausstrahlen und sich seine Vorliebe der allgegenwärtigen Farbe Weiß, die im allgemeinen den Clowns, Pferden und Akrobaten vorbehalten ist, zeigt. Le cirque (1927) ist ein Paradebeispiel davon: Ein intensiver in Rot, Blau, Schwarz und Gelb gestalteter Farbhintergrund, welcher der Farbe Weiß Ehre erweist.
Zahlreiche Aufenthalte in Le Havre führen in den darauffolgenden Jahren zu Meisterwerken wie Le quai Videcoq (1929), in denen die Farbharmonie ihre Perfektion erreicht. Honfleur, die Geburtsstadt seiner Mutter, Villefranche-sur-Mer, wo er sich 1920 aufhält, dann die Regionen Limousin und Touraine, wo er einen Teil des Jahres mit seiner Frau lebt, inspirieren mehrere seiner schönsten Werke: Blicke auf Wälder und Täler, auf das Château du Lion.
Anlässlich der Exposition Internationale im Jahre 1937 beauftragt der Generaldirektor der C.P.D.E. (Compagnie Parisienne de Distribution de l'Electricité) seinen Bruder Raoul mit der Dekoration des Pavillon de l'Electricité. Jean hilft ihm bei der Verwirklichung einer riesigen, 600 m2 großen Freske zur Glorie der Elektrizität.
Die letzten Jahre (1950-1960) widmet er Reisen, hauptsächlich in Europa (Italien, Griechenland, England, Irland, Österreich, Dänemark, Schweden, Holland, Spanien, Portugal) aber auch in Nordafrika. Doch geht seine Vorliebe 35 Jahre lang eindeutig an die Stadt Paris. Wie seine Zeitgenossen Aragon, Hemingway und Prévert,
welche die Stadt beschreiben, Utrillo, Chagall und Marquet,
welche
sie malen, verwendet Jean Dufy in einem sich ständig erneuernden kreativen Prozess, der von blauen Farbharmonien dominiert wird, Paris als Motiv für seine Ölbilder und Aquarelle: Blau als unversiegbare Schaffensquelle der Stadttore, der Straßen, der Kutschen der Stadt Paris, des Eiffelturms, des Pariser Himmels und der Seine.
Als nunmehr anerkannter Maler, der regelmäßig in Paris (Galerie Barreiro, Galerie Jos. Hessel, Galerie Drouand-David usw.) und in den Vereinigten Staaten (Galerie Georges de Braux in Philadelphia, James Vigeveno Galleries in Westwood Hills, Hammer Galleries und The Chase Gallery in New York) ausstellt und dessen Werke in die größten Sammlungen amerikanischer Museen wie dem Art Institute of Chicago, dem MoMA in New York aufgenommen wurden, stirbt Jean Dufy am 12. Mai 1964 in La Boissière, einem kleinen Weiler des Dorfes Boussay zwei Monate nach dem Tod seiner Frau Ismérie. |